BeschreibungDas All Star Game am 1. Februar in Leipzig wirft seine Schatten voraus. Doch während bei diesem Mega-Event vor allem die Superstars der Handball-Szene im Scheinwerferlicht stehen, geraten zwei ganz wichtige Männer gern einmal in Vergessenheit: die Schiedsrichter. Zu Unrecht, leitet das Duell zwischen den All Stars der DKB Handball-Bundesliga und der deutschen Nationalmannschaft doch traditionell das Schiedsrichter-Gespann, das zum besten des zurückliegenden Jahres gewählt wurde.

In Leipzig werden das erstmals Holger Fleisch (47) und Jürgen Rieber (48) sein. Im Interview mit dem Pressedienst der HBL verraten die beiden, warum sie sich den Schiri-Stress nach 30 Jahren noch immer "antun".

Herr Fleisch, Herr Rieber, Sie werden beim All-Star-Game in Leipzig als Schiedsrichter-Gespann des Jahres ausgezeichnet. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?
Fleisch/Rieber:Es ist eine große Ehre und Auszeichnung von den Trainern und Managern gewählt worden zu sein und gleichzeitig Verpflichtung, in jedem Spiel einen guten Job zu machen. Wir haben uns sehr darüber gefreut.

Sie sind inzwischen das dienstälteste und damit erfahrenste Gespann im DHB-Elitekader, haben unter anderem mehr als 300 Erstligaspiele der Männer geleitet. Welche 3 Tipps würden Sie Nachwuchs-Schiedsrichtern geben, die ihre Karriere gerade auf Kreisebene beginnen?
Fleisch/Rieber: Wir hätten da sogar noch einige Tipps mehr: Setzt euch realistische Ziele, lasst euch von Rückschlägen nicht entmutigen, entwickelt euch immer weiter, habt Spaß und Freude und lernt mit negativen Dingen vernünftig umzugehen. Wer aber den Schiedsrichter-Virus einmal in sich hat, bekommt ihn meist nicht mehr los. Und wer sich als Unparteiischer durchsetzt, profitiert meist auch im Berufsleben davon. Diplomatie, Zuverlässigkeit, Mut, Gerechtigkeitssinn und Menschenführung kann man überall gut gebrauchen.

Herr Rieber, Sie sind Schiedsrichter-Lehrwart beim DHB und gleichzeitig seit 1981 aktiv. Wie hat sich der Schiedsrichter-Beruf seitdem verändert?
Rieber: Vor allem die Taktung der Einsätze hat sich sehr verändert. Haben wir am Anfang unserer Karriere ungefähr 10 Erstligaspiele pro Saison geleitet, sind es heute fast 25. Zusammen mit internationalen Einsätzen kommen wir im Jahr heute auf rund 50 Spiele in Summe, viele davon unter der Woche. Die allermeisten Schiedsrichter arbeiten in verantwortungsvollen Hauptberufen. Die immer mehr werdenden Spiele unter der Woche zusammen mit Familie und den Anforderungen im Beruf unter einen Hut zu bringen, kostet dann viel Kraft.

Sie sprechen an, wie schwer es ist, die Schiedsrichter-Einsätze, Ihren Hauptberuf und die Familie zu koordinieren. Ganz plakativ gefragt: Warum tun Sie sich den Stress an?
Fleisch/Rieber:
Weil jedes Spiel in der stärksten Liga der Welt ein Highlight ist, auf das man sich freut und weil man stolz ist, ein Teil der DKB Handball-Bundesliga zu sein. Es beneiden uns viele Schiedsrichter aus anderen Ländern darum, solche Spiele in diesen Hallen und mit den entsprechenden Zuschauerzahlen pfeifen zu dürfen.

Stichwort Nachwuchs. Wie groß ist aktuell das Interesse unter Jugendlichen, Schiedsrichter zu werden? Und wie hoch ist die Quote derer, die langfristig dabei bleiben?
Fleisch/Rieber:
Ein Beispiel dazu: In unserem Heimatbezirk Esslingen/Teck wurden 50 neue Schiedsrichter ausgebildet, davon waren 48 unter 18 Jahre alt. Von diesen 50 bleiben aber nur zehn Prozent länger als drei Jahre dabei. Gerade Menschen in diesem Alter konzentrieren sich auf Schule, Ausbildung oder Studium und sind in vielen Lebensbereichen in der Findungsphase. Da spielt die Schiedsrichterei noch nicht so eine große Rolle.

Durch welche Maßnahmen könnte man den Schiedsrichter-Job für Jugendliche dennoch attraktiver machen?
Fleisch/Rieber:
Da gäbe es mehrere Ansatzpunkte. Ein erster Schritt wäre es, die Schiedsrichter von den meisten Verwaltungsaufgaben befreien. Außerdem müsste die Bezahlung deutlich verbessert werden, im unteren Bereich sind rund 15 Euro pro Spiel einfach zu wenig. Grundsätzlich muss es auch darum gehen, die Wertschätzung der Unparteiischen in den Vereinen, in der Presse und so weiter zu erhöhen. Und man sollte sich ernsthaft Gedanken machen, wie man das Klima in manchen Hallen verbessern könnte. Störer oder unfaire Zuschauer müssen auch einmal in die Schranken gewiesen werden!