rauchfuss peter dhbDas Schiedsrichterwesen ist im Handball, wie auch in vielen anderen Sportarten, immer wieder Thema für Diskussionen. Als einzige Amateure im Profigeschäft arbeiten auch die Schiedsrichter im Deutschen Handballbund stetig an einer Professionalisierung ihrer Arbeit. Medizinisch, technisch und in Kooperation mit den anderen beteiligten Parteien arbeiten die Unparteiischen an der Vorbereitung und Weiterentwicklung eines optimalen Spielmanagements. Doch auch die Schiedsrichter leiden unter der hohen Belastung und dünnen Personaldecke.
"In der aktuellen Spieldichte ist es immer wieder nur eine Frage der Zeit, bis sich Spieler und Schiedsrichter verletzen", sorgt sich Rauchfuß im handball-world.com Interview über die Zukunft seiner Spielleiter.

Die Belastung der Schiedsrichter im Elitekader ist extrem hoch. Wie viele Gespanne stehen derzeit für die ersten und zweiten Ligen zur Verfügung?
Peter Rauchfuß:

Im Elitekader sind wir zur Zeit 13,5 Paare. Zudem haben wir vier Gespanne im Anschlusskader, eines ist derzeit mit einem Achillessehnenriss außer Gefecht, elf Paare im B- und vier Paare im B-Anschlusskader.

Wie kommt es zu dieser angespannten personellen Situation?
Peter Rauchfuß:
Von den 11 Paaren im B-Kader fällt noch eines mit einem Kreuzbandriss aus. An den Elitekader gibt es ein hohes Anforderungsprofil, welches nur von den 13 Gespannen erfüllt werden konnte. Die anderen haben noch nicht die wünschenswerte Leistung gebracht, um wieder auf die Sollstärke von 15 Gespannen zu kommen. Unser Ziel ist es, nun den B-Kader leistungsmäßig zu fördern, daher erhalten diese Gespanne mehr Spiele.

Wir müssen jedoch zusätzlich auch eine gewisse Anzahl von Spielen in der 3. Liga absichern. In der 3. Liga ist die Qualität nicht ausreichend, um Spitzenspiele abzudecken. Leider bekommen wir zu wenig qualifizierten Nachwuchs aus den Landesverbänden. Angespannt hat die Lage zudem, dass Sebastian Wutzler und das Gespann Biaesch/Sattler sich unmittelbar vor Saisonbeginn zurückgezogen haben. Es muss sich jeder selbst hinterfragen, wie fair das Verhalten der Betreffenden gegenüber den anderen Schiedsrichterkollegen war. All diese Punkte kamen zusammen und sorgen im Moment für eine angespannte Personalsituation.

Können Sie uns mitteilen, wer sich aus dem Elitekader verletzt hat?
Peter Rauchfuß:
Leider haben wir eine etwas längere Verletztenliste zu beklagen. Markus Helbig wird am 4. Oktober am Meniskus operiert und Andreas Pritschow wird wahrscheinlich ebenfalls Anfang November am Knie operiert. Diese Schiedsrichter beißen momentan die Zähne zusammen und stehen uns für die Spiele, die sie bis dahin haben, zur Verfügung. Vor diesem Engagement kann man nur den Hut ziehen. Ralf Damian hat ebenfalls Knieprobleme, dort versuchen wir zunächst den Weg der Entlastung zu gehen. Ohne den Ehrgeiz dieser Schiedsrichterkollegen würde die Lage sich noch verschärfen.

Welchen Einfluss hat der dichte Spielplan auf die Schiedsrichter?
Peter Rauchfuß:
In der aktuellen Spieldichte ist es immer wieder nur eine Frage der Zeit, bis sich Spieler und Schiedsrichter verletzen. Ich möchte damit keineswegs der HBF und HBL einen Vorwurf machen. Wir alle sind hier dem Diktat der EHF und IHF untergeordnet.

Wenn man mal schaut, wie viele Mannschaften und wie viele Spieler mit schweren schweren Verletzungen zu kämpfen haben, ist das erschreckend. Nehmen wir das Beispiel Petar Djordjic in Flensburg. Er ist ein großes Talent für die Flensburger und da er sich für den Deutschen Pass entschieden hat, auch für unsere Nationalmannschaft. An seiner Verletzung ist kein anderer Schuld, sondern vielmehr ist sie ein Zeichen für Überlastung.

Die Altersgrenze der schweren Verletzungen geht immer weiter nach unten. Darüber sollte man sich nun auf internationaler Ebene Gedanken machen. Es muss schnellstens gelingen, ein vertretbares Level zu erreichen. Und dabei spreche ich noch nicht einmal von den Fans, die ebenfalls unter der Intransparenz der Spielplangestaltung zu leiden haben. In der aktuellen Situation möchte ich mit keinem Dauerkarteninhaber tauschen.

Sie hatten sich vor der neuen Spielzeit mit der zweiten Liga verständigt, dass es dort keine Wochenspiele gibt. Nun werden doch wieder Spiele in der Woche ausgetragen. Was bedeutet das für die Schiedsrichter?
Peter Rauchfuß:
Die Absprache war, dass die Spiele der 2. Bundesliga nicht in der Woche stattfinden. Nun haben sich viele Vereine doch wieder für Freitagsspiele entschieden. Für die Schiedsrichter ist das eine enorme Zusatzbelastung. Freitag ist der schlimmste Reisetag in Deutschland, damit müssen unsere Schiedsrichter zusätzliche Urlaubstage nehmen, um die Spiele pünktlich abzudecken.

Gibt es zu wenig qualifizierten Schiedsrichter-Nachwuchs?
Peter Rauchfuß:
Alle jungen Leute, die sich der Schiedsrichterei verschreiben, sind tolle Leute und tun alles mit den ihnen zur Verfügung stehen Kräften. Die Quantität ist jedoch nicht zufriedenstellend, damit kann man in der Breite auch keine Qualität verlangen. Die Anforderungen in den Landesverbänden werden immer weiter nach unten gesetzt, um überhaupt Leute zu haben. Viele Landesverbände haben die Schiedsrichterei jahrelang als Randnotiz betrachtet. Die Schiedsrichterausschüsse bekommen oftmals zu wenig Unterstützung von den Präsidien. Die Schiedsrichterei kann einfach nicht als spieltechnische Nebenaufgabe abgetan werden, sondern benötigt eine eigene Fokussierung im Verband.

Mit welchen Mitteln und Methoden versuchen sich die Schiedsrichter den Belastungen in der ersten Liga zu wappnen?
Peter Rauchfuß:
Wir arbeiten seit zwei Jahren auch mit dem IAT Leipzig zusammen und geben den Schiedsrichtern medizinische Unterstützung. Armin Emrich hilft uns zudem gemeinsam mit einem Team von Wissenschaftlern von Trainerseite. Wir konnten damit bislang sehr gute Ergebnisse erzielen und stellen die Schiedsrichter nun auch abseits des Parketts trainingsmethodisch besser ein, um den Belastungen gerecht zu werden. Auch was das Thema Stress betrifft, arbeiten wir besser zusammen. Zudem geht unsere Arbeit mehr in den Bereich des Spielmanagements. Wir erarbeiten neue Laufpositionen und schulen die Schiedsrichter taktisch, um ein Bewusstsein für im Spiel auftretende Situationen zu schaffen und den Schiedsrichtern die Möglichkeit zu geben, sich schneller auf taktische Veränderungen einzustellen. Dazu analysieren die Schiedsrichter auch ihre eigenen Spiele schwerpunktbezogen.

Nehmen wir das Beispiel Füchse – THW Kiel. Das Gespann Baumgart / Wild hatte das Spitzenspiel zu pfeifen, mit einem enormen psychischen Druck sowie hoher physischer Belastung. Wie bereitet man seitens des DHB Schiedsrichter auf solchen Stress vor? Wie zufrieden waren Sie mit den Leistungen des jungen Gespannes?
Peter Rauchfuß:
Ich war mit dem Gespann zuvor vier Spiele zusammen und habe sie mental indirekt auf die größer werdenden Aufgaben vorbereitet. Wir haben uns sehr akribisch auch mit der Analyse beschäftigt, um das Gefühl zu vermitteln, dass sie den Rückhalt haben. Sie haben für mich in Berlin einen richtig guten Job gemacht und ich bin mit der Leistung zufrieden. Man kann immer über Entscheidungen diskutieren, aber wenn man die Fehler der Spieler mit den Ungereimtheiten zusammenlegt, kommt man schnell zu dem Ergebnis, dass sie den Ausgang des Spiels in keinster Weise beeinflusst haben. Vielmehr denke ich, dass dieses Spiel wieder einmal tolle Werbung für unseren Sport war. Wer in der Max-Schmeling-Halle war, wird das bestätigen können.

Hat sich aus Ihrer Sicht der Umgang von Spielern, Trainern und Offiziellen mit den Schiedsrichtern in den Bundesligen verbessert?
Peter Rauchfuß:
Der Umgang hat sich verbessert. Die Trainer haben auch ein Kurzprotokoll unseres Lehrgangs bekommen und wissen so auch, worauf wir uns besonders vorbereitet haben. Das Miteinander ist erst einmal besser geworden. Die ganze Geschichte rund um den "Maulkorberlass" war nie ein Thema, welches wir forciert haben. Wir sind immer bereit, die Zusammenarbeit noch weiter zu verbessern. Es müssen aber auch auf Seite der Offiziellen immer noch viele Leute an sich arbeiten. Auch viele hochrangige Vereinsvertreter abseits der aktiv am Spiel Beteiligten sollten mal in sich gehen und sich hinterfragen, ob das immer im Sinne des Sports ist, was sie da tun. Ich bin mir sicher, dass sie dann zu einer anderen Erkenntnis kommen würden.

Lamentieren und reklamieren ist mittlerweile "Usus" in der Bundesliga. Müssten da nicht die Schiedsrichter deutlich massiver gegen die Über-Emotionen seitens der Bank oder auch einzelner Spieler vorgehen?
Peter Rauchfuß:
Wir arbeiten daran, aber hier sind natürlich auch die Delegierten im Boot. Ich erwarte hier deutlich mehr Verständnis von den Bänken für die Arbeit der Delegierten. Die zusätzliche Frau oder der zusätzliche Mann am Tisch ist ein wichtiger Bestandteil des Spielmanagements. Manche Trainer und Offizielle haben noch Probleme, das zu respektieren. Allgemein kommt das Thema gegenseitiger Respekt an vielen Stellen noch zu kurz.

Jedes Jahr legen die Elitekader spezielle Schwerpunkte ihrer Arbeit fest – können Sie einige dieser aktuellen Regelschwerpunkte für 2012/13 kurz erläutern?
Peter Rauchfuß:
Wir haben uns einige Punkte als klare Zielsetzung für die neue Saison gesetzt und dies auch den Trainern kommuniziert. Im Wesentlichen sind das vier Dinge: Erstens wollen wir nicht zu kleinlich gegen die Bänke agieren, aber unsportlichem Verhalten von Anfang an vorbeugen. Zweitens sollen klare Schrittfehler stärker in den Fokus rücken und erkannt und gepfiffen werden. Drittens muss die Ausführung der Würfe (Anm. d. Red. Freiwurf, Anwurf, Einwurf) wieder sauberer werden, hier haben sich einige Dinge eingeschlichen, die nicht der Regel entsprechen. Viertens soll bei minimaler Beeinträchtigung einer Wurfaktion nicht auf Freiwurf oder Siebenmeterwurf entschieden werden, um auch der Abwehr eine faire Chance zu geben.

Vielen Dank für das Interview.