fleisch rieber dhbEr ist einer der erfolgreichsten Handball-Schiedsrichter in Deutschland und kennt die Probleme seiner Zunft wie kaum ein anderer. Als DHB-Lehrwart hat er sich dem Fortschritt verschrieben. Doch den vermisst er. „Die Themen, die uns beschäftigen“, sagt Jürgen Rieber (Bild rechts), „sind seit Jahren die immer gleichen.“

Herr Rieber, Sie sagen, es war schon immer schwer, für das Amt des Unparteiischen zu werben. Warum wird es immer schwerer, geeignete Kandidaten zu finden?
Rieber: Wir haben immer mehr junge Leute, die studieren oder ein, zwei Jahre ins Ausland gehen. Von 50 Schiedsrichtern, die wir zuletzt ausgebildet haben, waren 48 noch nicht einmal volljährig. Ein Mensch in diesem Alter steckt mitten in der Entwicklung. Beruflich wie im Privatleben. Das zeigen auch die Ausbildungszahlen: Von zehn ausgebildeten Schiedsrichtern bleiben dauerhaft nur ein bis zwei übrig. Die Altersgruppe 30 Plus, die im Leben angekommen ist, die ist uns in den letzten Jahren immer mehr weggebrochen. Wir haben auf der einen Seite die ganz jungen, auf der anderen die älteren Schiedsrichter. Dazwischen klafft eine Lücke.

Viel ist von mangelnder Wertschätzung die Rede, die Schiedsrichtern offenbar überall widerfährt.
Das ist sicher richtig, aber man darf es sich da nicht zu einfach machen. Das ist für mich nur ein Teilaspekt. Nicht jeder Schiedsrichter, der aufhört, tut dies aus Frust. Meist ist es aufgrund der Lebenssituation. Wertschätzung ist trotzdem ein wichtiger Punkt. Die Vereine verlassen sich dabei zu sehr auf die Schiedsrichtervereinigung und sehen sich selbst zu wenig in der Pflicht. Die Schiedsrichter-Mannschaft muss ein festes Bindeglied im Vereinsleben sein. Das sind genauso Sportler wie die Spieler. Es gibt Vereine, die das erkennen, die ihre Schiedsrichter gut ausstatten oder sogar beitragsfrei stellen.

Geht es nicht eher um den Umgang mit Gast-Schiedsrichtern?
Natürlich auch. Ich habe mal gelesen, die Vorstufe für Burn-out sei wenig Anerkennung, psychischer Stress und schlechte Bezahlung. Wenn Sie so wollen, ist das die Stellenbeschreibung eines Schiedsrichter-Neulings. Deshalb meine ich, eine freundliche Begrüßung und Verabschiedung in der Halle, ein Getränk oder mal ein Apfel oder Schokoriegel in der Kabine, das sind kleine Gesten mit großer Wirkung. Vereine können auch dazu beitragen, dass renitente Eltern und Störer auf der Tribüne zur Räson gebracht werden. Ich erwarte da keine Wunderdinge, aber dass man in solchen Situationen einschreitet oder hinterher mal hingeht und sagt, ihr habt gut gepfiffen. Auch die Berichterstattung in der Presse ist ein Faktor. Wenn man nichts liest, wird es schon gut gewesen sein. Ansonsten sind Schiedsrichter überfordert, arrogant, unnahbar. Ich würde mir wünschen, dass auch über gute Schiedsrichterleistungen regelmäßig berichtet wird.

Und was kann der Verband tun?
Über die Höhe der Aufwandsentschädigung sollte man sicher nachdenken. Ein knappes Gut ist immer teurer.

Das wird man in den Vereinen aber gar nicht gerne hören.
Solange für Spieler selbst in den unteren Ligen noch Geld da ist, meine ich, ist eine maßvolle Erhöhung immer drin. Bei jungen Leuten ist das Thema Geld schon ein Aspekt. Wenn da einer sagt, ich pfeife am Wochenende zwei Spiele und habe mit Fahrgeld hundert Euro in der Tasche, ist das ein schönes Zubrot und motiviert. Dadurch wird er kein besserer Schiedsrichter, aber es ist eine Anerkennung. Ob er uns deshalb dauerhaft erhalten bleibt, ist eine andere Frage. Das Problem des Verbandes ist, dass die Zahl der Spiele insgesamt eher zugenommen hat, während die Zahl der Schiedsrichter sinkt. Damit müssen die verbleibenden Schiedsrichter mehr Spiele übernehmen. Vor 15 oder 20 Jahren hat ein Schiedsrichter vielleicht 15 Spiele auf Verbandsebene gepfiffen. Heute sind es 40. Das ist aus meiner Sicht zu viel und eine gefährliche Spirale, weil es bedeutet, dass der Verband seine niedrigste Klasse wieder an die Bezirke abgibt. Das ist nur eine Verlagerung des Problems, unter der nicht nur die Qualität, sondern auch die Neutralität leidet.

Es gibt also keinen Königsweg aus dieser Krise?
Es gibt nur viele Mosaiksteinchen. Eine höhere Bezahlung, mehr Wertschätzung oder auch die Abstellung von Schiedsrichter-Paten, die Neulinge im Verein betreuen und begleiten, sind Bausteine. Das kann nicht alleine die Schiedsrichter-Vereinigung leisten. Wenn es dadurch gelingt, jemand drei oder vier Jahre bei uns zu halten, ist schon viel gewonnen. Die zahlreichen Aufhörer werden wir wohl nie in den Griff bekommen.

Wie groß ist die Gefahr, dass tatsächlich eines Tages Spiele nicht mehr stattfinden können?
Ich glaube, die Vereine haben den Ernst der Lage noch gar nicht erkannt. Auch deshalb, weil es immer noch Leute gibt, die das durch Mehreinsatz versuchen, aufzufangen. Die Gefahr ist aber ganz real. Das geht dann von unten nach oben. Von der Kreisliga in die Bezirksliga, und irgendwann fallen dann auch mal Verbandsspiele aus.

Sie haben mit Ihrem langjährigen Kollegen Holger Fleisch am vergangenen Wochenende das emotionsgeladene Nord-Derby zwischen dem HSV und dem THW Kiel geleitet. Fühlen Sie sich
als Bundesliga-Schiedsrichter unterbezahlt?
Ich gehe mit Holger Fleisch jetzt in die 18. Bundesligasaison. Wir haben damals mit 120 Mark pro Spiel begonnen. Heute bekommen wir 500 Euro. Das ist eine Steigerung, die weitaus mehr ist, als beispielsweise bei einem Facharbeiter in den letzten 18 Jahren. Der konnte sein Gehalt nicht verachtfachen. Insofern finde ich, dass 500 Euro pro Spiel eine ordentliche Bezahlung ist. Man muss aber auch sehen, dass es mindestens zehn Jahre dauert, bis man nach ganz oben kommen kann. Aus finanziellen Gründen kann das keiner machen. Die Hauptmotivation ist Anerkennung und die Freude, Teil des Bundesliga-Zirkus zu sein. Wir verspüren beide noch immer die Neugier und den Enthusiasmus. Dass es mehr Geld gibt, ist nur ein schöner Nebenaspekt.

Nach dem Eklat im Juni hat Kurt Ostwald das Amt des Schiedsrichterwarts bis zum Verbandstag am 17. Mai kommissarisch übernommen. Was muss bis dahin geschehen?
Wichtig ist, dass wir einen Schiedsrichterwart finden, der anerkannt ist, der die Gabe hat, zu vermitteln. Ich erwarte auch vom Präsidium, dass das Schiedsrichterwesen in der Administration mehr unterstützt wird als in der Vergangenheit. Bei allem, was mit Spieleinteilung, Lehrgangsprogrammen und Schriftverkehr zu tun hat. Das Ehrenamt kann dies heute nicht mehr leisten. Diese Zeiten sind vorbei. Entweder muss man diesen Leuten Geld dafür bezahlen oder man braucht Hauptamtliche dafür.

Hätten Sie einen geeigneten Kandidaten im Blick?
Momentan sehe ich niemanden, aber es laufen viele Gespräche seitens des Präsidiums. Das steckt alles noch in der Findungsphase.

Jürgen Rieber (48) ist seit 1981 Handball-Schiedsrichter. Mit seinem Kollegen Holger Fleisch pfeift er seit 18 Jahren in der 1. Handball-Bundesliga, leitete über 600 Spiele im DHB bei mehr als 100 internationalen Einsätzen. Damit ist das Duo des TV Nellingen das erfahrenste und inzwischen dienstälteste Elite-Gespann. Beide wurden 2013 als „Schiedsrichter des Jahres“ im DHB ausgezeichnet. Jürgen Rieber ist zudem als Schiedsrichter-Lehrwart bundesweit für die Ausbildung verantwortlich.

Quelle: teckbote